Logo








Informationen zur Massentierhaltung

Menschen für  Tierrechte
Kurzes Leben - schnelles Geld
Der Markt und seine Produktionsstrukturen

Die Geflügelindustrie boomt weltweit und das seit Jahrzehnten. Besonders hoch ist der Verbrauch von Geflügelfleisch in den USA. Von dort kamen Ernährungsgewohnheiten und industrielle Tierproduktion nach Europa.

Zum so genannten Mastgeflügel zählen Masthühner (eher bekannt als Masthähnchen oder auch Broiler), Enten, Gänse und Puten (auch Truthühner genannt). Obwohl die Deutschen nicht zu den Spitzenverbrauchern von Geflügelfleisch gehören, hat sich der Pro-Kopf-Verbrauch seit 1950 mehr als verzehnfacht. Seit der BSE-Krise hat er innerhalb von zwei Jahren um 3,6 Kilogramm zugenommen. Durchschnittlich isst jeder Deutsche heute 19 Kilogramm Geflügelfleisch pro Jahr, hauptsächlich Hühner und Puten.

Zum Wandel des Verbraucherverhaltens Bis in die 50er Jahre wurde Geflügelfleisch meist an besonderen Feiertagen gegessen. Als in den 60er Jahren einige Restaurantketten und Imbissstände Geflügelfleisch, vor allem das gegrillte Hähnchen, zu Spottpreisen anboten, wurde es schnell zu einer beliebten Alltagsmahlzeit. Bald gab es neben den tiefgefrorenen und frischen Hähnchen auch Hähnchenteile, Geflügelwurst und seit einigen Jahren Fertiggerichte (so genannte Convenience-Produkte). Mit der Ausbreitung der Fastfood-Restaurants wurde frittiertes Geflügelfleisch zum Marktrenner. »Chicken McNuggets« sind heute für jeden Jugendlichen ein Begriff. Die Anbieter von Geflügelfleisch haben rasch auf die veränderten Lebensbedingungen und Konsumgewohnheiten reagiert. Geflügelfleisch sei - so werben sie - billig, vielseitig verwendbar, in kurzer Zeit zuzubereiten sowie fett- und kalorienarm. Informationen über die Auswirkungen der intensiven Hühnermast auf Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere oder auf die Umwelt und die Gesundheit der Verbraucher drangen kaum in die Öffentlichkeit. Auch gelegentliche Berichte über Salmonellen, Antibiotika, Dioxin und kürzlich über Nitrofen im Geflügelfleisch konnten der Attraktivität des so genannten Weißfleisches nichts anhaben.

Zur Produktion und Vermarktung von Masthühnern
Die Organisationsstrukturen wurden aus den USA übernommen und sind inzwischen weltweit sehr ähnlich. Die Züchtung liegt in der Hand von wenigen, multinational tätigen Konzernen. In Deutschland existiert seit 1997 kein eigenständiges Zuchtunternehmen mehr. Große agrarindustrielle Unternehmen sind auch im Besitz von Elterntierhaltungen, Brütereien, Mischfutterwerken, Schlachtereien, Zerlegungs- und Verarbeitungsbetrieben. Beispielhaft für ein streng arbeitsteiliges Produktionssystem sei hier die Unternehmensgruppe Paul-Heinz Wesjohann aus Visbek im Landkreis Vechta genannt. Es ist eines der größten agrarindustriellen Unternehmen in Europa und eines der führenden Wirtschaftsunternehmen in Niedersachsen. Zu ihm gehören:

4 Brütereien, die 200 Millionen Küken pro Jahr liefern
12 Schlachtereien bzw. Verarbeitungsbetriebe mit 200 Millionen Schlachtungen pro Jahr
1 Produktentwicklungstechnikum
1 Beratungsgesellschaft für Systemgastronomie
3 Mischfutterwerke
1 Werk zur Herstellung von Geflügelimpfstoffen sowie 2 Produktions- und Vertriebsstätten in den USA
1 Werk zur Herstellung von Futterzusatzstoffen
1 so genanntes Geflügel-Protein-Werk, wo Schlachtabfälle für die Haustiernahrung verarbeitet werden
1 human-pharmazeutisches Werk
1 Produktions- und Vertriebsgesellschaft für Nahrungsergänzungsmittel 

Lediglich die Mast der Tiere besorgen andere, so genannte Vertragsmäster. Es sind meist bäuerliche Betriebe, die sich in Erzeugergemeinschaften von 60-80 Landwirten zusammenschließen und sich für mindestens sieben Mastdurchgänge, also für etwa ein Jahr, an das Unternehmen binden. Sie mästen in eigener Verantwortung und auf eigenes Risiko, aber mit festen Vertragsbedingungen. Im Durchschnitt verfügt ein Vertragsmäster über 35 000 Mastplätze. Bei sieben Durchgängen pro Jahr mästet er insgesamt 245 000 Tiere. Bezahlt wird er nach der Zahl der abgelieferten »schlachtreifen« Hühner. Bei noch nicht einmal 8 Cent Reingewinn pro Tier verdient er im Jahr gut 18 000 Euro. Da er für die Betreuung einer Herde von 35 000 Tieren nur 1,5 bis 2 Arbeitsstunden pro Tag aufwendet, führen viele Mäster die Aufzucht von Hühnern im Nebenerwerb durch. Die meisten Masthühner werden in Niedersachsen gehalten (54 %), gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, wegen der dort ansässigen Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe. Bei der Vermarktung herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf und Verdrängungswettbewerb. Die Preise werden von wenigen Handelsketten diktiert, vor dem Hintergrund ständiger Überschüsse in Europa. In Deutschland allerdings wird wesentlich weniger Geflügelfleisch produziert als im Land gegessen wird. Etwa 50 % des Geflügelfleisches wird deshalb importiert, vor allem aus den Niederlanden, Frankreich, Ungarn, England, Polen, Thailand und Brasilien.

 Zu den Perspektiven
Die Geflügelfleischproduzenten blicken recht optimistisch in die Zukunft. Sie erwarten eine weitere Steigerung des Konsums. Außerdem gehen sie davon aus, auf einer relativ gesicherten rechtlichen Basis zu agieren, denn Produzenten, Vertreter der Länder und einige Tierschutzorganisationen haben im Jahr 1999 eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Masthühnern und Puten unterzeichnet. Darin wurde eine - völlig unzureichende - Begrenzung der Besatzdichte der Ställe festgelegt. Sorgen macht ihnen allerdings die Standortfrage beim Bau neuer Stallanlagen. In den Zentren der Geflügelmast in Nordwestdeutschland ist die Errichtung neuer Mastanlagen aus umwelt- und gesundheitspolitischen Gründen kaum mehr möglich, aber auch in anderen Gebieten - wie den neuen Bundesländern - regt sich Widerstand gegen eine weitere Intensivierung der Nutztierhaltung (siehe auch Artikel zu Einwendungen, Seite 12). Manche Betreiber denken über eine Abwanderung eines Teils der Produktion in die neuen EU-Beitrittsländer nach. Bei der Beurteilung der Zukunftsperspektiven sind sich Produzenten und Vermarkter von Geflügelfleisch einerseits und Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen andererseits in einem Punkt einig: Die Fragen des Tier- und Umweltschutzes und der Sicherheit der Lebensmittel bekommen immer mehr Gewicht. Wer wird die Verbraucher für sich gewinnen? Wird es gelingen, ethische Aspekte zu Kauf entscheidenden Faktoren zu machen? Und welche Weichen wird die Politik stellen? Wenn wir Tierschützer zusammen mit anderen Verbündeten daran mitwirken, dass sich das Ernährungsverhalten in unserer Gesellschaft zu einer Kultur der Verantwortung und der Menschenwürde entwickelt - gemäß dem Motto: Du bist, was du isst! - dann haben auch die Tiere gewonnen. Lassen Sie uns Schritt für Schritt auf dieses Ziel hin arbeiten.

Hannelore Jaresch

An den Anfang der Seite Seitenanfang


© 2018 Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband M-V, Wismarsche Straße 152 in 19053 Schwerin
Ein Projekt des BUND MV, Unterstützt durch die Naturstiftung David und die Gregor Louisoder Umweltstiftung

[Administration]